Geasina ließ ihr Schwert im weiten Kreis herumwirbeln. Die kleinen, ihr etwa bis zum Knie reichenden, grellbunten Wesen sprangen zurück, sich gegenseitig auf die Füße. Manche wurden aufgeschlitzt, aber andere drängten nach, stachen nach ihr, nach ihren Waden, Kniekehlen, der Hinterseite ihrer Oberschenkel und manche reichten sogar mit längeren Waffen zum Po herauf.
Die Höhle war gefüllt vom Kreischen der Grells, ein selbst für menschliche Ohren beinahe betäubendes Kreischen. Manche - die, die Geasina getroffen hatte - schrien ihren Schmerz heraus, andere ihre Wut, die meisten schrien einfach nur aufgeregt.
Sie keuchte, immer wieder schwang sie ihr Schwert, drehte sich den Grells zu, die sie von hinten angriffen, drehte ihre ungeschützte Rückseite damit aber anderen Grells zu, was es nicht besser machte. Immer wieder spürte sie kleine Speere, schartige Klingen oder auf einfach nur Steine, die sie stachen, nach ihr schlugen oder geworfen wurden.
Mit einem gewaltigen Ausfallschritt wagte sie einen Angriff nach vorn, gen Felswand, um endlich den Rücken frei zu bekommen, da sprangen mit einem Schrei drei große Grells von einer Plattform weiter oben direkt vor ihr in die Lücke, die die auseinandergestobenen, niederen Schergen freigemacht hatte.
"Das sind... zu viele!" keuchte sie, hektisch sah sie sich um. Wo waren ihre Gefährten geblieben? Riven, Tamora, Khyra? Nirgends waren sie zu sehen. "Zu Hilfe!" schrie sie laut, aber die einzige nennenswerte Reaktion war ein noch wütenderes Angreifen der Grells.
Allmählich gesellten sich ihre eigenen Schreie zu denen der Grells, weniger grell in der Stimmfärbung, doch kündeten sie von Wut und Schmerz, wie bei ihren Feinden. Sie stöhnte auf, als der Speer des Grellkönigs sich in ihren Oberschenkel bohrte. Stahlringe sprangen leise klingelnd zu Boden, warum auch immer sie dieses Geräusch in dem infernalischen Lärm hören konnte.
Etwas riss an ihrem Schwert - ein hektischer Blick - ein vorwitziger Grell hatte einen langen Haken hinter dem Kreuz verhakt und riss nun an dem Schwert, während die drei großen Grells von vorne und die vielen kleineren Grells von hinten nach ihr schlugen und stachen. Plötzlich knickte ihr linkes Bein ein, im Fallen sah sie eine Art kleinen Rammbock, mit dem die winzigen Wesen ihre linke Kniekehle getroffen hatten.
Das Schwert wurde ihr entrissen und sie stürzte schmerzhaft auf den Rücken. Kurz wurde ihr schwarz vor Augen, doch lange währte diese Gnade nicht, bald schon holten die Schmerzen sie in die Wirklichkeit zurück. Die Grells zerrten und rissen an ihr herum, bis sie auch die letzten Fetzen ihrer mitgenommenen Kettenrüstung in Händen hielten.
Ihr Untergewand war in fast ähnlich schlechtem Zustand, zu viele Treffer hatte es einstecken müssen. Von allen Seiten zerrte und riss man an ihr, Klingen schnitten an gespanntem Stoff herum, sie wurde von der Wucht des Reißens der drei größeren Grells auf den Bauch gedreht und krümmte sich zusammen, die Arme vor dem Gesicht.
Irgendwann ließ das Pieksen nach, die Gegnerin war ja auch hinreichend besiegt. Geasina blutete aus vielen kleinen Wunden, nur noch der ein oder andere Fetzen Stoff wärmte sie. Der Höhlenboden war kalt, die Luft dazu. Die junge Frau zitterte, fast zu einer Kugel zusammen gedreht, wie sie war, vor sich hin.
Wieder schwanden ihr die Sinne. Als sie zu sich kam, wurde sie von vielen kleinen Händen getragen. Sie stöhnte und sackte wieder weg. Beim nächsten Aufwachen schien es ihr etwas wärmer zu sein, und heller. Sie blinzelte, ihre Augen gehorchten ihr nicht richtig, erst nach und nach wurde ihr bewusst, was um sie herum vor sich ging. Sie lag aus gestreckt auf dem Rücken, Arme und Beine zu den Seiten weggestreckt. Als sie sich wieder einrollen wollte, merkte sie, dass das nicht ging. Sie hob etwas den Kopf, um schmerzlich an den Haaren gezogen zu werden. Vorsichtig äugte sie herum, so gut das ging.
Die kleinen Biester hatten sie gefesselt, aber nicht nur an Handgelenken und Füßen, sondern an allem, was irgendwie erreichbar war, inklusive einiger Haarsträhnen, was das Reißen an diesen zur Folge gehabt hatte. Über Arme und Beine liefen eine Unzahl kleiner Riemchen und Seilchen, jedes für sich hätte sie zerreißen können, doch alle zusammen machten ihr fast jede Bewegung unmöglich.
Sie schielte nach rechts und links. Offenbar lag sie auf einer Art flachem Stein, auf dem jede Menge Kerzen standen, Licht und auch etwas Wärme abgaben. Irgendwann fiel ihr auf, dass die vielen kreischenden Stimmchen verschwunden waren. Trotzdem klang es nicht so, als sei sie alleine in dieser Höhle. Hier schabte ein kleines Füßchen, da scharrte der Schaft eines Speeres über den Boden, dort räusperte man sich. So weit sie sehen und erspüren konnte, hatte sie keinen Fetzen Stoff mehr am Leib, der dafür umso mehr schmerzte. Einige kleinere Schrammen hatten aufgehört zu bluten und schmerzten dafür um so mehr, aber viele tiefere Wunden bluteten noch vor sich hin. Sie spürte ihren Lebenssaft auf den Stein unter ihr rinnen. Offenbar hatten sie wie durch ein Wunder kein größeres Blutgefäß verletzt, sonst wäre sie wohl kaum wieder zu sich gekommen.
Da sprang mit einem Mal ein Grell neben Geasina auf den Stein, auf dem sie lag. Er trug einen seltsamen Kopfschmuck und ein weites Gewand. Sie brauchte eine Weile, um dahinter zu kommen, dass es wohl der Grell-König war, dessen Speer sie am Oberschenkel getroffen hatte. Nun schwang er statt des Speeres ein dunkel glänzendes Messer, das durch und durch aus einem Stück schwarzen Steins gefertigt schien.
Der Grell tanzte um die Gefangene herum und immer wenn er sein Messerchen in die Höhe hielt, füllten unzählige Grellstimmchen die Felsenhalle mit Jubelschreien. Geasina folgte dem Grell besorgt mit den Augen, immer wieder versuchte sie, den einen oder anderen Arm loszureißen, oder auch ein Bein frei zu bekommen, doch die gesammelten Bemühungen der Grells, sie zu fesseln, waren von zermürbendem Erfolg gekrönt.
Immer näher kam der Tänzer nun und - ja er sang! Ein scheußlich kreischiger Singsang entrang sich dem Grellkehlchen, er kam immer näher, das Messer schabte über ihre Haut, schnitt dann hier und da, nicht tief, wohl mehr rituell, in Geasinas Haut. Sie stöhnte, kleine Bluttropfen begannen hier und dort an ihr herabzurinnen. Plötzlich sprang der große Grell mit einem lauten Schrei auf Geasinas Bauch zu. Sie riss die Arme zur Hilfe, doch die Fesseln hielten. Der Grell landete aber nicht auf den angespannten Bauchmuskeln, sondern breitbeinig links und rechts neben diesem. Er sah der Gefangenen in die Augen, dann glitt sein Blick tiefer.
Die Augen des Grells wirkten wahnsinnig, aber auch irgendwie analytisch, wie er nun Geasinas Oberkörper anstarrte. Die freie Hand näherte sich diesem nun, befühlte aber nicht, wie sie befürchtet hatte, ihre Brüste, sondern tastete dazwischen nach ihren Rippen. Ein hässliches Lächeln breitete sich auf dem Grellgesicht aus, ein stimmgewaltiger, das Trommelfell schmerzender Schrei löste sich von seinen Lippen, der von den Grells ringsum erwidert wurde, dann sauste das Messer auf Geasina hinab.
Als sich das Messer in ihre Brust bohrte, zwischen den befühlten Rippen hindurch bis in ihr Herz, schreckte sie mit einem Schrei auf. Sie saß völlig außer sich orientierungslos und kerzengrade in ihrem Bett im Obergeschoss des Gasthauses von Dolanaar. Schweißüberströmt, Haarsträhnen klebten an ihr ebenso wie das Hemd, dass sie trug, ihr Herz raste, ihre Kehle war staubtrocken.
Das Pochen in ihrem Oberschenkel war es, das sie langsam zurück an den Ort brachte, an dem sie war. Sie schob die Decke zurück. Der Verband um die Wunde hatte sich dunkel verfärbt. Offenbar hatte die Verletzung wieder angefangen zu bluten und ihr diesen furchtbaren Traum beschert. "Es ist nichts, alles in Ordnung - nur ein Traum!" beruhigte sie eine besorgte Elfe, die auf der Treppe stand und zu Geasina herüber schaute.
Schlafen mochte sie erstmal nicht mehr, wer weiß, welche Traumbilder ihr die Ereignisse am Tag zuvor noch bescheren würden. So schlüpfte sie in die Hose, die Khyra ihr geliehen hatte, trank viele durstige Schlucke aus dem bereitstehenden Wasserkrug und tappte dann mit bloßen Füßen hinunter in das Gasthaus. Was herrschte hier für ein Leben? Sie wusste ja, dass die Elfen nachtaktiv waren, aber damit hatte sie nun nicht so recht gerechnet. Mindestens doppelt so viele wie tagsüber waren zu sehen, handelten, werkelten und redeten miteinander.
Dankbar für die Ablenkung setzte sie sich an den Fuß der Treppe, die sie heruntergekommen war und folgte dem bunten Treiben mit den Augen. Elfenstimmen waren sehr viel angenehmer als dieses hohe Gekreische der Grells.