Als an diesem Morgen die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster des Zimmers in der güldenen Rose einfielen, war der Handelsplatz schon voller Leben. Neben den Handelskarren, die von laut schnaubenden und vom Geschirr rasselnden Pferden gezogen wurden, den Rufen der Händler und polternd aufgeschlagenen Fensterläden, mischten sich die Geräusche von unzähligen Menschen hinein, die den Weg ins Handelsviertel gefunden hatten. Menschen, die bei ihren Einkäufen die wichtigsten Neuigkeiten austauschten, Geschnatter von Weibern das dem von Gänsen glich. Trotz des geschlossenen Fensters und der frühen Stunde drang der Geruch von Fisch, Fleisch, Gewürzen und allerlei lebenden Viehs in unser Zimmer. Dieser lärmende und äußerst lästige Trubel begann immer schon einen guten Glockenschlag vor dem Sonnenaufgang und bescherte mir regelmäßig einen, bereits beim Aufwachen, dröhnenden Kopf. So war es auch an diesem Morgen. Müde und erschlagen, drehte ich mich auf die rechte Seite, die warme Seite des Bettes, die Seite die nicht leer oder vom Boden begrenzt wurde. Nur noch ein paar Momente Ruhe, das war mein Vorhaben für den Augenblick und so verbuddelte ich meine Nase in den dunkelblonden Haarschopf neben mir. Kräftige Arme schlossen sich um mich, zogen mich näher zu der Wärmequelle des am frühen Morgen ausgekühlten Zimmers und im nächsten Moment schon dämpfte die dicke, flauschige Decke die tosenden Geräusche des angebrochenen Tages.
Nun, vielleicht war ein wenig mehr Zeit vergangen als ich mir zunächst vorgenommen hatte bis ich schlussendlich doch aus der Tür des Gasthauses trat. Grelle Sonnenstrahlen trafen mich, trietzten meine Augen als wollten sie mich verspotten. Der Tag war noch jung und doch arbeiteten die Männer und Frauen auf diesem Platz hier schon seit Stunden. Jene, die nicht direkt auf dem Markt arbeiteten, waren zumeist Fuhrunternehmen, Mägde oder Träger, die aber mindestens so lange auf den Beinen waren wie die Anderen Menschen hier. Ein hartes Leben ist es, aber welches Leben war zu diesen Zeiten nicht hart? Zeiten in denen viele Frauen ihre Kinder alleine versorgen mussten, weil die Väter in der Schlacht gefallen waren, Zeiten in denen Männer ihre Kinder alleine versorgen mussten, weil ihre Mütter an einer Krankheit oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen sind? Jeder Mensch hier arbeitete hart… nun fast jeder. In diesem Moment fiel mein Blick auf Topper. Topper war einer jener Männer, die ihre Farm an die Orks verloren hatten, dem Erdboden gleich gemacht durch ein Feuer. Ich glaube er kann sich selber nicht entscheiden, wem er nun die Schuld geben soll. Den Orks, die das Feuer gelegt haben und die Farm zerstörten oder aber der Armee der Allianz, weil sie ihren Wachturm direkt hinter seine Farm erbaut hatten… und nicht davor. Naja, es war eine gängige Taktik, Wachtürme hinter Farmen zu errichten und eben nicht davor. So machte man es dem Feind schwerer den Turm zu erobern, wenn er zuvor eine Gruppe von Farmen passieren musste. Topper allerdings ist einer der leidtragenden in diesem Krieg und nun verdingt er sich damit, die Menschen im Handelsdistrikt um ein paar Münzen zu bitten. Ob das leichte Arbeit war? Ich glaube nicht, das Geld sitzt fest und keiner hat etwas zu verschenken.
Ein lautloses Seufzen entschlüpfte meinen Lippen, nein, ich hatte auch nichts mehr zu verschenken. Die Münzen in meinen Taschen wurden mehr als knapp und noch hatte ich einige Dinge zu bezahlen. Langsam und gemächlich setzte ich mich in Bewegung und zuppelte nebenher die roten Hemdsärmel zurecht. Mein Kopf dröhnte noch immer nach der kurzen Nacht und dem lauten Erwachen. Dazu mischte sich nun das Geräusch einen wilden Jaguars, das mir eine Röte in die Wangen trieb, die es mit der Farbe meines Hemdes sicher aufnehmen konnte. Vorsichtig blickte ich an mir herab und stierte den Übeltäter dieser weiteren geräuschvollen Attacke förmlich an. Mein Bauch aber schien sich aus diesem Blick nichts zu machen, als wisse er, dass ich ihm nicht wirklich etwas tun würde und so gab er ein weiteres provozierendes Knurren von sich. Nun ich hatte zu tun und das Schiff würde auf unsere Tiere nicht… oh Moment… war das dort gerade der Thomas? Alamiert schaute ich in die Menge der Menschen und dann erhaschte ich ihn auch wieder, er verschwand ums Eck direkt vor mir. Wenn das mal kein Grund war meine Füße zu schwingen, sie erwachen zu lassen. Schnell lief ich in die Richtung in die ich den Mann hab verschwinden sehen. Soviel Zeit blieb gerade noch uns so rief ich ihm hinterher „Thomas! Warte!“. Er hielt sogar an, den Korb der mit einem Wolltuch bedeckt war unterm Arm geklemmt. Mit einem Lächeln trat ich auf ihn zu. „Licht mit Euch Thomas.“ Er schenkte mir ein lückenhaftes Lächeln, aber freundlich wie er zu meinst war. „Guten Morgen Loreen. Für euch heut auch ein Brot?“ Ich musste meinen schwarzen Haarschopf schütteln. Für eines seiner richtigen Brote hatte ich heute keine Zeit … und keine Münze. „Nein… und ja. Habt Ihr noch eines dieser kleinen Stangenbrote, die man auf dem Weg essen kann?“ Thomas schob das Wolltuch zur Seite und als hätte allein dieses Tuch den herrlichen Duft frischen Brotes von mir fern gehalten, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Er zog eines dieser kleinen Stangenbrote hervor und reichte es mir. Ich grabbelte dafür im Austausch mit den Fingern in meiner Hosentasche und zog einige Kupferlinge heraus, die ich ihm auf der offenen Handfläche darbot. „Dank Euch Thomas.“ „Dir ebenso Loreen, pass auf dich auf und sichere Wege.“ Ich nickte ihm nochmal mit einem Lächeln zu und folgte meinem zuvor eingeschlagenen Weg. Nun musste ich mich doch spurten, zum Hafen hinunter war es noch ein gutes Stück und das Schiff würde nicht warten.
Ich eilte mich mit schnellen Schritten den Hang zum Hafen herunter. Hoffentlich war der Stallbursche mit den Pferden schon dort, Zeit um nochmal in die Altstadt zu laufen hatte ich keine mehr falls das schiefgelaufen war. Vorbei ging es an den Kriegsmaschinen der Zwergen und Gnomen, eben jenen Maschinen, die den Hafen Sturmwinds vor Angriffen von der See aus schützen sollten. Katapulte, Dampfpanzer und andere Geräte reihten sich hier aneinander und harrten ihrem Einsatz entgegen. Einem Einsatz, auf den ein jeder Bürger dieser Stadt gut und gerne verzichten konnte.
Dann führten mich meine Beine auch schon die letzte Treppe herab. Am dritten Anlegesteg lag die Storch, eben jenes Frachtschiff, dass unser Gepäck und die Tiere mit nach Menethil nehmen würde. Dumpf und hohl erklungen meine Schritte auf dem hölzernen Steg und Erleichterung stahl sich mit Sicherheit in meinen Blick, als ich am Ende des Anlegers denn Stallburschen stehen sah, der von den Pferden umzingelt war. Er war da, die Tiere waren da, ich war da und das Wichtigste, das Schiff war da. Ich spürte wie sich das Lächeln auf meine Züge stahl, als ich näher an den Stallburschen mit dem braunen Haarschopf heran trat. Tomy war sein Name und er kümmerte sich um Tibor seit ich ihn das erste Mal in den Sturmwinder Stall brachte. "Das Licht sei mit dir Tomy." grüßte ich den Jungen auch gleich und nickte ihm zu. "Heyo Loreen. Bin da wie abgesprochen, gibt's dafür 'ne extra Münze?" Ich konnte nicht umher meine Brauen hinauf zu ziehen, ich hatte ihm wirklich gute Münzen versprochen, wollte er wirklich noch eine Zusatzmünze? Scheinbar standen mir meine Gedanken mal wieder wörtlich ins Gesicht geschrieben, denn Tomy grinste plötzlich völlig schief. "Ey Loreen, war 'n Witz. Aber wenn du noch 'ne Münze übrig hast. Bin dir dann sicher nich' böse." Einen Moment schaute ich noch verdattert zu ihm, ehe ich seine Worte einfach so stehen ließ und meinen Blick über die Pferde glitt. Langsam ging ich auf den braunen Hengst zu. Das war mein Tibor. Er war noch recht jung und ich hoffte, dass er einer solchen Reise bereits gewachsen war. Er hat mir vor einigen Wochen, alle Münzen gekostet, die ich derzeit hatte. Für sein Alter war er ein Prachtexemplar mit viel Potenzial. Ein wenig Zeit, Geduld und Disziplin und aus ihm könnte ein klasse Schlachtross werden. Ich strich ihm einmal durch die Mähne und anschließend über die Stirn und Maul. Dann betrachtete ich die anderen Tiere und nickte bekräftigend. Gut, zumindest mussten einige von uns nicht die ganze Strecke laufen und wir konnten das Gepäck befestigen. Das würde uns die Reise erleichtern.
Die letzten Kisten wurden gerade von kräftigen Männern aufs Schiff geladen und die raue Stimme des Kapitäns Lokhood toste übers Deck. Scheinbar war es wichtig, den Kapitän zu hören ehe man ihn sah, denn die Gestalt konnte ich erst einige Augenblicke später auf Deck wahrnehmen. Sein fast schon schwarzer Blick richtete sich auf den Tomy und mich, vorsichtig gar aufmunternd lächelte ich dem Jungen entgegen und streckte ihm einige Silber entgegen – für seine Mühen. Jemand der sich so gut um die Tiere kümmert, der sollte auch entsprechend entlohnt werden, damit er es auch in Zukunft so angehen würde. Seine Finger grabschten die Silberlinge schnell von meiner Handfläche und ein spitzbübisches Grinsen wurde mir noch zuteil, ehe er mit einem „Bis bald Ma'am“ davon petzte. Es fehlte nur noch eine aufwirbelnde Staubwolke hinter ihm, so schnell war er fort und es entlockte mir ein Schmunzeln. Lange hielt dieses Schmunzeln allerdings nicht an, denn die grobe und rauhgeschliffene Stimme des Kapitäns ließ mich vor Schreck zusammen fahren, als sie sich direkt an mich wandte. Die schwarzen Haare des Mannes standen ihm verfilzt zu allen Seiten vom Kopf ab und der kohleschwarze Blick nahm mich gleich ins Visier. „Also was ist mit dem Vieh hier? Können wa et aufladen?“ Langsam blinzelte ich und kam bei seinem Ton nochmal ins Grübeln. Ob das wirklich eine so gute Idee war? Aber was wäre die Alternative? Die Tiere mit in die Tiefenbahn nehmen? Zögerlich nickte ich ihm entgegen. „Jawohl Sir. Aufladen und an den Stallmeister in Menethil übergeben.“ Sicherheitshalber wiederholte ich so nochmal was er zu tun hatte und schon kam einer seiner Seeleute auf mich zu und nahm das erste Pferd mit. Es war für mich fast überraschend, wie vorsichtig, gar sanft er das Pferd aufs Schiff führte und unter Deck in den Frachtraum brachte. Es würde schon gut gehen, ganz bestimmt. Nach und nach fand so jedes Ross einen Platz auf dem Schiff und alle wurden – zumindest unter meinem Blick – gut und vorsichtig behandelt. Andererseits... ich hatte ihnen auch eine anständige Summe an Münzen versprochen, wenn die Pferde alle wohlauf in Menethil ankommen. Das hatte ich mit dem Stallmeister dort abgesprochen. Er würde den Kapitän entlohnen, wenn er der Meinung wäre, dass es den Tieren wohlergangen wäre.
Ich blieb noch eine gefühlte Ewigkeit dort auf meinem Flecken Steg stehen, sah den letzten Handgriffen der Seeleute zu, wie sie übers Deck wieselten, die Taue lösten und die Planken einzogen. Mit dicken... ich weiß gar nicht wie man das nannte, es waren Stäbe, mit denen ein gutes Dutzend Männer das Schiff vom Anlegesteg wegdrückten. Dann fuhren die Ruder aus und im Takt einer erklingenden Trommel begannen die Männer das Schiff in Richtung Hafenausfahrt anzutreiben. Noch immer stand ich dort und schaute dem Schauspiel nach. Selber hatte ich für kurze Zeit auf einem Fischkutter gearbeitet... aber dieses Schiff hier war eine ganz andere Liga. Gerade an der Hafeneinfahrt angelangt, sah ich wie die Segel gerichtet wurden und sich nur einen Augenblick später unter dem Wind blähten. So stach die Storch in See.
Zu kurz war der Aufenthalt im Hochland, viel zu kurz. Sie hatten noch so viel erledigen wollen was nun unerledigt bliebe. Wie hatte das nur passieren können? Wie konnte es so deeskalieren? In dem Chaos das sich entwickelt hatte waren sie dazu gezwungen völlig überstürtzt aufzubrechen. Mitten in der Nacht waren sie aus den Mauern geflohen, die ihnen Schutz gespendet hatten. Und nun traten sie, müde wie alle waren, einen kräftezehrenden Ritt in der Dunkelheit an, die nur von den beiden Monden erhellt wurde. Das Wetter war den Flüchtenden hold, es war trocken und für Hochländer Verhältnisse mild. Nur ein sachter Wind wehte über die Reiter hinweg. Hier und da war das Flattern großer Schwingen zu hören, das Rascheln der Büsche oder einer Maus. Ansonsten breitete sich Stille über das hochgelegene Land aus. Die dunkle Decke der Nacht legte sich schützend über Gräser und Hügel, verbarg alles das nicht in direkter Reichweite lag. Die Hufe der Pferde und Schritte der Laufenden waren in der sonstigen Stille des Hochlandes sicher weithin zu hören, ließ die Gruppe wie einen offene Zielscheibe wirken – wenn einem denn feindlich Gesinnte zu Nahe kamen. Aber keiner wusste genau, wer dieser Gruppe gerade jetzt feindlich gesinnt war. Im Gegensatz zu den letzten Zufluchtsorten, hatten sie sie sich hier keinen Ruf erobert, ganz im Gegenteil, diese Aktion ging deutlich in die Hose. Waren sie zunächst neutral begrüßt worden so... nun... so sah das ganze jetzt anders aus. Lang zog sich der Weg durch dieses Land, die Monde zogen beharrlich ihre Bahn und von der anfänglichen Müdigkeit die sie empfand, war nach dem kurzen Adrenalinschub der Flucht nicht mehr geblieben als eine zehrende Schwere. Ein Schwere die sich auf sie legte, auf ihre Augen – die ihre Augen überreden wollte sich zu schließen. Und immer wenn ihr Kopf nach vorne kippte ruckte sie wieder hoch, mühte sich aufmerksam übers Land zu spähen, Gefahren entgegen zu sehen – nur damit der Kopf kurze Zeit später erneut entschied schlafen zu wollen.
Ihre Ohren klingelten jetzt noch bei dem Lärm, den das Dynamit verursacht hatte. Sie sah die Arme, Beine und Köpfe noch immer vor ihrem geistigen Auge durch die Luft fliegen, roch das verbrannte Fleisch, hörte die schmerzerfüllten Schreie derer, die von den Explosionen nicht getötet aber gleichwohl verbrannt und verletzt wurden. Soviel Tod und das wofür? Sie war ausgezogen, um Azeroth zu helfen, nicht um … nun, nicht für das. Sie erschauderte und schüttelte sich unwillkürlich. Die Erinnerungen an die letzten Stunden ließen sie wieder wach werden und sie setzte sich gerade in den Sattel. Der grüne Blick wanderte einmal über das übriggebliebene Grüppchen, alle wirkten müde, manch einer schlief gar auf seinem Pferd. Leise Gespräche erklangen von den Wachen, andere wiederum wirkten in sich gekehrt, nachdenklich. Dann schaute sie neben sich zu Lendrik, der die Richtung vorgab. Für einen Moment trafen sich die Blicke und sie konnte seine Gedanken förmlich lesen. Wie von selbst hob sie die Mundwinkel zu einem Lächeln, eine gar hilflose Geste – dennoch wurde sie erwidert. Eine dünne Wolke schob sich vor einen der Monde, dunkelte das Land und ließt den Durchgang zum Hinterland erst spät ins Blickfeld der Reisenden geraten.
Sie zügelten ihre Pferde und ließen sie vor dem Eingang anhalten, die Huftritte verklungen und für einen kurzen Moment hörte man nichts weiter als seinen eigenen Atem, seinem Herzschlag und das Schnauben der Tiere. Einer nach dem Anderen rutschte aus seinem Sattel, mal erklung die Landung der Füße auf ihrem Grund dumpf, ein anderes Mal schepperte es. Die Gelenke vom langen Ritt steif geworden, die Augen und Knochen vor Müdigkeit schwer und sie waren noch nicht am Ziel angelangt. Vor ihnen lag das Gebirge, dass das Arathihochland vom Hinterland trennte – und dieses galt durchquert zu werden – wenn auch glücklicherweise unterirdisch. Sie schlang die Zügel ihres Hengstes um ihre Hand herum und führte ihn langsam in den von Feuerkörben erfüllten Gang. Diese Tunnel waren faszinierend, wie auch bei den Tunneln die ins Sumpfland geführt hatten fragte sie sich, wer sich darum kümmerte das die Feuer brannten. Die Schritte von Mensch und Tier hallten laut durch den Tunnel, prallten an den Wänden ab und fanden ihren Weg zurück an die Ohren. Fast schon träge durchmaßen sie so das Gebirge und als sie spät in der Nacht im Hinterland ankamen, trugen die Füße die Gruppe nicht weiter. Sie bezogen Quartier direkt am Ausgang und stellten einen Plan für die Nachtwache auf. Wer wusste schon was einem hier begegnen würde? Die nächste Zuflucht war somit der Nistgipfel
Sie trat zurück zum Bett in dem sie Lendrik erwartete. Aber anstelle des blonden Mannes fand sie nur ein Schriftstück. Merkwürdig, das war der erste Gedanke der ihr in den Sinn kam. Sie schlug den Brief auf und überflog ihn, einmal... zweimal... dreimal. Panisch ging der Blick zu Lendriks Sachen – fast alle waren weg, wieder zurück zum Brief, nochmal lesen. Die Hände des jungen Dinges zitterten und das Geräusch von Tropfen die auf Pergament treffen war zu hören.
Ohne sich weiter umzusehen, rannte sie durch die Gänge der Festung hinaus, raus zu den Pferden – nur um festzustellen, dass auch sein Pferd verschwunden war. Der Boden kam immer näher, entweder bewegte er sich oder aber sie sackte hinab in das saftig, grüne Gras des Hinterlandes. Das Pergament in der Hand knüllend und aufschluchzend. Wie konnte er einfach so verschwinden, mit einem dämlichen, lächerlichen Witz von Brief. Verzweiflung keimte in ihrem Inneren auf. Wut, Angst … und ein Gefühl als hätte man sie gerade mit Tibor über den Haufen geritten. Sicher vergingen so lange Augenblicke, Augenblick in denen sie schlurchzte wie ein Schloßhund. Es war fast so wie vor einem Jahr, als ihre Freunde mit einem Puff weg waren, wobei... nein es war gar schlimmer, denn jene hatten sie nicht freiwillig verlassen, zwar auch ohne Ankündigung und Anzeichen, aber nicht freiwillig. Was hatte sie falsch gemacht? Hätte sie es bemerken müssen? Hatte sie... war sie einfach nicht liebenswert? Hunderte Gedanken, hunderte Tränen, hunderte Gefühle trafen als Knoten in ihr zusammen, verwirrten sich weiter und zerrten an ihr. Bilder der vergangenen Monate schossen ihr durch den Kopf, Bilder an den gemeinsamen Traum Azeroth zu bereisen, an die Planungen, die Gespräche.... und dann Bilder der Gruppe. Nein... das konnte sie gerade nicht, sie konnte diesen Traum nicht alleine leben, nicht jetzt, nicht sofort. Und nein, sie konnte die Gruppe nicht alleine weiter führen. Völlig außerstande diese Gedanken zu Ende zu spinnen, ließ sie sich rücklings ins Gras fallen und rollte sich zusammen. Gut das sie hier keiner sah. Leise jammerte sie vor sich her, weinte ins Gras bis sie einnickte.
Als sie aufwachte stand die Sonne hoch am Himmel. Sicher war es schon mittag... und das Pferd von Lendrik war noch immer weg... und auch dieser verfluchte Breif lag noch neben ihr. Sie knüllte ihn in ihre Hosentasche, die zwei plumpen Zeilen – mehr Zeit, mehr Mühe hatte er sich nicht gegeben. Langsam ging sie hinein und packte dort ihre Sachen zusammen. Alleine? Sie alleine durch Azeroth? Den gemeinsamen Traum... nein! Das kam gerade nicht in Frage, so schliff sie ihren Kram hinaus. Vor dem letzten Gang nach draußen rödelte sie sich auf. Alles befestigte sie an Tibor, der arme junge Hengst... und dann folgte ein Blick auf den Esel... auf ihre gemeinsamen Sachen. Sie schüttelte den Kopf und wieder erklang ein Wort in ihren Gedanken. Nein! Gerade als sie sich auf den Rücken ihres Tieres schwingen wollte, trag Geasina raus. Ihr erklärte sie die Situation... grob und dann ritt sie auch schon los.
Tage durch, Nächte durch... hier und da mal eine Stunde Schlaf. Als sie in Eisenschmiede ankam, stank sie wie ein Ochse, die Haare pappten fettig an ihrem Kopf und tiefe Augenringe zierten das Antlitz der jungen Frau. Eine Augenweide mag man meinen. In Eisenschmiede lief sie umher, wollte nur zur Tiefenbahn und Tibor vorübergehend hier lassen, als sie über das Wappen ihres Vaters stolperte... nun eigentlich eher dem Wappen des Ordens in dem ihr Vater diente. So stockte sie und sah die beiden Gestalten an, schämen tat sie sich für ihr Aussehen und ihre Verfassung nicht. Einen kurzen Wortwechsel und einiger Überraschung später, wusste sie wo sich der Orden einquartiert hatte und schleppte sich dorthin. Im Gasthaus angekommen aber, konnte sie ihren Vater nicht erblicken, gerade schon im Inbegriff zu gehen, trat er ein.
Loreen wanderte durch die Gassen Sturmwinds. Gelangweilt war sie am Tage, was sollte sie hier auch groß machen. Sie hatte keine Arbeit, sie hatte keine Freunde... sie hatte keine Familie. Ihr Vater, seine Worte klangen ihr noch in den Gedanken „Du weißt wie wichtig meine Arbeit ist Liebes.“ Das 'Liebes' konnte er sich allmählich sparen. In Eisenschmiede, auf dem Weg nach Sturmwind war sie kurz auf ihn getroffen, da hatte er sich einen Moment für sie Zeit genommen, hatte sie in den Arm genommen und ihr zugehört. Dann aber war er in seiner wichtigen Arbeit schon auf den Weg zur Wollmesse gewesen. Seither hatte sie ihn nur einmal kurz in Sturmwind gesehen, in Begleitung einer Novizin... aber mehr als zwei Sätze hatte er für sie keine Zeit gefunden. „Du weißt wie wichtig meine Arbeit ist, Liebes“
Natürlich. Wie konnte sie es vergessen. Die Arbeit war so wichtig gewesen, dass er sie auf der Reise nicht begleiten konnte, war so wichtig, dass seine Ordensmeisterin, diese Lady Arcados rumzickte wie ein kleines Blag. Was eine unsymphatische Frau das gewesen war, verstrickt in politische Intrigen, der Politik generell, irgendwelche... nein, sie wusste gar nicht was diese Frau überhaupt machte außer zu reden, reden und zu reden. Irgendwas hatte sie mit dem Zwischt in Arathor am Hut, suchte zu vermitteln. Aber wieso? Soweit Loreen gehört hatte, hatte sich zumindest eines der Adelshäuser dort vor einiger Zeit von der Allianz abgewendet und Arathor war weit weg. Wenn man sich den Hintern in Sturmwind schon breit sitzt oder die Füße platt steht, dann sollte man doch mehr machen als zu reden. Sicher war sie gerade ungerecht, immerhin sind sie alle zur Wollmesse, um dort Stoffe aus Sturmwind zu verkaufen. Als ob es in diesem Land nicht genügend Schafe für Wolle und Stoffe gab. Da musste man eine wochenlange Reise auf sich nehmen für.... Stoffe, um deren Erlös an die Kirche in Sturmwind zu spenden. Wieder ging es um Sturmwind. Sie verstand es nicht. Politische Intrigen in Arathor, Gespräche, Diskussionen, Vermittlung... und Goldhaschen für Sturmwind. Zweiteres mag vielleicht noch der normalen Bevölkerung zu gute kommen, aber ersteres? Sollten sich die Adelshäuser doch die Köppe einschlagen, jedes Adelshaus hatte Lichtdiener, Lichtgläubige, die ihren Herren ins Gewissen reden könnten. Da hatte eine Nase von Sturmwind einfach nichts zu suchen – aber das war nur Loreens Meinung und mit dieser stand sie ziemlich alleine da.
Vielleicht war sie eine schlechte Lichtdienerin, vielleicht war sie dafür nicht gemacht, wenn sie sich so an der Kathedrale umschaute. Sie konnte mit den Orden dort nichts anfangen, mit ihrer Einstellung, mit ihrer Art. Hätte in Theramore ein Paladin ausziehen wollen, um dem Menschen in Azeroth zu helfen, wäre er mit Sicherheit nicht aufgehalten worden. Man hätte ihn gefragt ob er einen Knappen mitnehmen möchte, um ihm die Welt zu zeigen, zu zeigen wo genau die Probleme lagen und damit dieser mit Zeit hätte unterrichtet werden können. Natürlich nur solange der Paladin noch keinen Knappen hatte. Es war ein Geschenk für jeden Knappen so etwas zu erleben, Loreen durfte selber diese Erfahrung machen und mit ihrem Mentoren reisen, ihm dabei helfen wie er anderen half, wie er jenen half, die nicht in die großen Städte geflüchtet waren und die eben jene am Leben hielten. Denn, wie sollte eine Stadt leben, die keine Nahrung bekam? Sie schüttelte den schwarzen Schopf. Nein, ihr Vater kuschte vor der Großmeisterin wie jeder andere Mensch in dieser Stadt hier, vor der Frau die sich verhält wie ein bockiges Kind und die keinerlei Widerworte oder andere Meinungen akzeptierte – das war zumindest die Erfahrung die Loreen bisher mit dieser Frau gemacht hatte und... sie konnte diese Frau einfach nicht mögen in ihrer aufgesetzten Anteilnahme die sie jedem schenkte, ihrer angeblichen Betroffenheit und ihrer ach so hervorzuhebenen Weisheit – in den Zwanzigern.
Langsam führten Loreen ihre Schritte weiter durch die Altstadt, an dem Geschäft von Vaerion vorbei, sie sah gerade wie ein Kunde hinein trat und verharrte einen Moment. Nein... ihn konnte sie auch nicht stören, nur weil ihr langweilig war. Jeden Tag arbeitete er zwölf Stunden, das hatte sie im Gespräch mit seiner künftigen Vertretung mitbekommen. Wenn sie jetzt dort auftauchen würde, weil sie nicht wüsste wohin mit ihrer Zeit... wie würde das aussehen. Jeden Abend fragte er wie ihr Tag gewesen sei, ja... wie war der Tag nur. Morgendliche Gebete, Meditation, Laufen, Kraftübungen... nun sie wollte ihre Rüstung ja auch weiterhin tragen können. Das lernen der Lehre des Lichts, sie hatte zwar keinen Mentor, aber sie konnte dennoch lernen. Mentor... ja, ihr Vater der Paladin hatte ja so wichtige Arbeit, das dafür keine Zeit blieb. Am Anfang in Sturmwind wollte er sie ausbilden, den Weg zu ende führen, aber auch da kamen sie so gut wie nie dazu. Eigentlich... sie glaubte nicht, dass sie einmal wirklich etwas gemacht hätten. Der Orden war seine Familie, nicht sie. Sie war das Ding, dass vor einem Jahr einfach auftauchte. Eine Weile schaute sie noch zu den Fenstern des Geschäftes vor sich, ob sie diese nicht einfach einmal putzen sollte? Dann schüttelte sie wieder den Kopf. Nein, Vaerion würde sie sicher schief ansehen und vielleicht auch nicht verstehen, warum ihr so langweilig war, wo er doch so viel zu tun hatte. Dennoch nahm sich der Mann jeden Abend Zeit für sie, sprach sie an, fragte wie der Tag war und redete mit ihr. Lange Gespräche waren es meist und es stellte sich heraus, dass er ebenso froh wäre aus Sturmwind fort zu kommen, wie sie es war. So würde er sie also begleiten, wenn sie zur Gruppe zurück kehren würde.
Die Frage die sich stellte war...wie? Sie war zu verdattert gewesen die Magierin zu fragen, die ihr mitteilte wo die Gruppe war. Sie hätte sie nach einem Portal fragen sollen – aber hatte es verpasst. Nun wird es eine Schifffahrt werden... wenn alles gut geht. Sie hatten jemanden getroffen, der von Kalimdor hierher gekommen war und einen Kapitän kennt. Sobald dieser Herr Vaerion und sie selber mochte, würde er mit diesem reden. Bei Vaerion war das wohl kein Problem – bei ihr wahrscheinlich schon eher. Mal sehen, wann es soweit ist, wann wohl in See gestochen würde. Vielleicht aber sollte sie sich nicht darauf verlassen. Einen Schritt machte sie auf das Ledereigeschäft zu, dann aber drehte sie um und ging weiter, machte sich auf zum Hafen. Sie könnte dort ja auch ein wenig umherfragen, vielleicht gab es noch andere Möglichkeiten.